Über mich

Über mich, Michael Gutmann, Berlin

Vor wenigen Jahren schenkte mir eine gute Freundin ein schönes Büchlein, das von einem Mann, einem Buchhalter, erzählt, dessen fast schon monotone Antworten auf Angebote des Lebens war: „Ich möchte lieber nicht“ (“I would prefer not to”).


Schüchternheit und Angst - Ich möchte lieber nicht!
Schüchternheit und Angst – Ich möchte lieber nicht!

Das Buch beeindruckte mich sehr und wurde mir ein wichtiges Erlebnis meines Lebens. Und weil es mir ein wichtiges Buch war, habe ich es wohl an gute Freunde verliehen, denen es wohl auch wichtig wurde, weshalb sie es wohl wieder an gute Freunde verliehen, … Jedenfalls liegt das Buch heute nicht vor mir. Aber den Satz „Ich möchte lieber nicht“ habe ich als Mahnung einer Lebenshaltung, die zum Untergang führen kann, aufgenommen.
Ach ja: Das dünne Buch heißt: „Bartleby der Schreiber“ (Bartleby the Scrivener) und ist von Herman Melville.
In diesem Buch ist, wenn ich mich recht erinnere, nirgends von Schüchternheit oder Angst die Rede. Es findet sich keine Diagnose der Schüchternheit oder der Angst. Wir erfahren nur vom Menschen Bartleby, wie wir ihn von außen erleben könnten. Eine reine Beobachtung. Wir erfahren nicht wie es in Bartleby aussah. Das bleibt ein Rätsel. Vielleicht hat dieses Rätsel mit dazu beigetragen, dass mich dieses Buch so ergriff.
Ich bekam dieses Buch als Geschenk in einer Zeit, in der mich Ängste, Ängste vor restlos allem, mächtig umtrieben. Und meine liebste Antwort auf alles war auch stets gewesen. „Nein danke, ich möchte lieber nicht“. Meiner Ängste war ich wohl bewusst. Aber war ich auch schüchtern? Ich hätte mich selbst wohl nie als schüchtern bezeichnet. Schließlich gab mir meine kreative Angst immer gute Gründe dafür, das allermeiste zu meiden. Und da ich das meiste mied, konnte ich mich auch nie als schüchtern erleben, als schüchtern erkennen, als schüchtern erfahren.
Meine neue Angst und Schüchternheit, früher war ich nie zuvor in einem solchen Ausmaß schüchtern oder ängstlich, sogar Angst-erfüllt, gewesen, führte mich zu einem Rückzug in die Isolation. Hier erhoffte ich, wie Bartleby, durch wenige menschliche Begegnungen auch meinen Gefährten Angst und Schüchternheit nicht begegnen zu müssen. Aber das war einfältig: meine Gefährten Angst und die Schüchternheit waren immer schon da; egal was ich tat, egal was ich dachte, egal was las oder schrieb, egal was ich mir einsam im Fernsehen (natürlich nicht im Kino!) ansah.
Keine wirklich schöne Zeit. Aber erfahrungsreich.
Der Rückzug von der Welt (was macht man dann, wenn man sich zurückgezogen hat?) führte mich dazu, mich ausgiebig um mein eigenes Verhalten zu kümmern, mich anzuerkennen als schüchternen und ängstlichen Menschen und diesen seltsam mächtigen Erscheinungen Schüchternheit und Angst mal auf den Zahn zu fühlen, Schüchternheit und Angst zu verstehen. Das war anfangs nicht leicht. Nicht deswegen, weil es mir schwer gefallen wäre, meine Selbstdiagnosen Angst und Schüchternheit anzunehmen; dazu war ich viel zu geschwächt: natürlich war ich schüchtern; natürlich hatte ich Angst. Nein, Angst und Schüchternheit sind deshalb so schwer zu verstehen, weil sie unlogisch sind; nicht rational.
Im logischen Denken bin ich ziemlich gut. Logisches Denken kennt aber keine Angst und keine Schüchternheit. Dennoch gibt es sie. Angst und Schüchternheit besitzen ihre eigenen unlogischen Gesetze. Sie zu verstehen, war ein mühsamer, unsicherer Weg, bei dem ich nicht sagen konnte „Ich möchte lieber nicht“, weil mir sonst ja kein Weiterleben mehr möglich gewesen wäre. Schließlich gelang mir dann doch, auch dank der neueren Gehirnforschung, ein Durchbruch, ein modellhaftes Verstehen von Angst und Schüchternheit, das es mir nun ermöglicht, mein über Angst und Schüchternheit Verstandenes in Beratungen, Coachings, Workshops und Seminaren fruchtbar einfließen zu lassen.
Bin ich dadurch von Angst und Schüchternheit befreit? – Nein, das bin ich nicht! aber ich kann kreativ und erfolgreich mit meiner Angst und meiner Schüchternheit umgehen!
Und ein anderes Wertvolles ist mir auch geblieben: Ich kann nun Angst und Schüchternheit auch bei anderen Menschen leicht erkennen und ich kann mit deren Angst und Schüchternheit konstruktiv umgehen!

Dr. Michael Gutmann
Berlin

Angst und Schüchternheit - Sicherheit und Halt
Angst und Schüchternheit – Sicherheit und Halt